Erythrit bei Diabetes: Was du zu Herzstudie, Verträglichkeit und Etikett wissen solltest
Erythrit taucht auf vielen Zutatenlisten auf. Hier liest du, was die Herzstudie von 2023 zeigt, was offen bleibt und warum ein Produkt mit Erythrit nicht automatisch kohlenhydratarm ist.
Erythrit steckt in vielen Produkten, die mit „weniger Zucker“ werben. Wenn du Diabetes hast oder jemanden mit Diabetes kennst, stellst du dir vermutlich drei Fragen: Was macht er im Körper? Was ist an der Herzstudie dran? Und worauf achte ich im Supermarkt?
Dieser Artikel trennt diese Punkte sauber, ohne Alarm und ohne Entwarnung. Grundlagen zu Herstellung und Sicherheit findest du im Erythrit-Ratgeber, die Kalorienfrage klärt der Artikel Erythrit Kalorien.
Was Erythrit ist und woher er im Körper kommt
Erythrit ist ein Zuckeralkohol. Er kommt in geringen Mengen in natürlichen Lebensmitteln wie Früchten und fermentierten Lebensmitteln vor. Der Körper stellt ihn außerdem in kleinen Mengen selbst her. Trotzdem zählt Erythrit als Zusatzstoff. In der EU ist er zugelassen, und EFSA sowie der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss sahen bis 2015 keine gesundheitlichen Bedenken.[2]
Isotopenversuche mit Blutproben zeigten, dass der Körper Erythrit aus Glukose über den Pentosephosphatweg bildet. Das ist ein normaler Stoffwechselweg, über den Zellen Glukose umbauen.[3] Für die Herzstudie ist das wichtig, wie du gleich siehst.
Wie Erythrit im Vergleich zu anderen Zuckeralkoholen abschneidet, erklären wir in Erythrit oder Xylit und Isomalt bei Diabetes.
Herzstudie 2023: Was bekannt ist und was offen bleibt
Die Studie von Witkowski et al. in Nature Medicine ist der Auslöser der Debatte. Das Team fand zunächst in einer Entdeckungskohorte (n = 1.157) und dann in zwei Validierungskohorten (USA: n = 2.149, Europa: n = 833) einen Zusammenhang zwischen dem Erythritspiegel im Blut und schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) innerhalb von 3 Jahren. Die Teilnehmenden waren Patient:innen, bei denen eine Herz-Abklärung anstand.[1]
Was die Studie nicht belegt
Der Zusammenhang stammt aus Beobachtungsdaten. Sie zeigen, dass beides gemeinsam auftritt, aber nicht, dass Erythrit die Ursache ist. Zum Mechanismus gibt es Zell- und Tierversuche sowie eine kleine Pilotstudie mit 8 gesunden Freiwilligen. Dort erhöhte Erythrit die Reaktivität der Blutplättchen und die Thrombusbildung.[1] Die Freiwilligen tranken ein Getränk mit 30 g Erythrit, und der Blutspiegel blieb zwei Tage lang erhöht.[2]
Fachleute ordnen das unterschiedlich ein. Der Diabetologe Stefan Kabisch von der Charité hält die Dosis in den Experimenten für sehr hoch. Sie sei von den meisten Menschen nicht durch die Ernährung erreichbar. Auch die körpereigene Produktion erreiche nicht die Mengen, die gesüßte Lebensmittel liefern können.[2] Zu den Beobachtungsdaten sagt er:
Dieses Ergebnis kann – wie viele andere ähnliche Resultate zu anderen Süßstoffen, rotem Fleisch oder selbst Zucker – zu weiten Teilen auf Scheinkorrelationen und Störgrößen beruhen.
Die Autor:innen selbst halten fest, dass Studien zur Langzeitsicherheit nötig sind.[1] Die Studienlage ist also noch dünn. Mehr dazu liest du im Mythen-Check zu Erythrit und in Erythrit und Schlaganfall.
Wie viel ist okay? Verträglichkeit im Alltag
Zuckeralkohole können bei größeren Mengen abführend wirken. Bei Produkten mit mehr als 10 % Zuckeralkoholen schreibt die Kennzeichnung nur den Hinweis vor, dass sie bei übermäßigem Verzehr abführend wirken können.[2] Eine feste Grenze, die für alle gilt, nennen die Quellen nicht. Die Verträglichkeit ist individuell. Mehr dazu in Erythrit Nebenwirkungen.
Praktisch heißt das: Probiere kleine Mengen aus und verteile sie über den Tag. Eine Dosierungsempfehlung für deine Therapie ist das nicht, die gibt dir dein Diabetes-Team.
Erythrit heißt nicht kohlenhydratarm: So liest du das Etikett
Der oft übersehene Punkt: Ein Süßungsmittel sagt wenig über das ganze Produkt. Gebäck, Riegel oder Snacks mit Erythrit können viel Mehl oder Stärke enthalten und damit viele Kohlenhydrate. „Zuckerarm“ bedeutet nur, dass wenig Zucker enthalten ist, nicht wenig Kohlenhydrate. Ein Lebensmittel mit Erythrit ist auch kein „Diabetiker-Lebensmittel“.
Wenn du Kohlenhydrate in Kohlenhydrat-Einheiten (KE) rechnest, hilft dir der Rechner. Wie du die Werte in deinen Therapieplan einbaust, besprichst du mit deinem Diabetes-Team.
Wann du ärztlichen Rat einholst
Therapie, Insulindosis und Zielwerte gehören ins Diabetes-Team. Ein anderes Süßungsmittel ersetzt keine Anpassung der Therapie. Frag besonders nach, wenn du eine Herz-Kreislauf-Vorerkrankung oder eine Nierenerkrankung hast oder wegen der Herzstudie unsicher bist.
Ideen für den Alltag findest du in Snacks bei Diabetes und Ernährung bei Insulinresistenz. Einen Überblick über Alternativen gibt dir der Artikel Zuckerersatz im Überblick. Grundlagen zum Stoff selbst stehen im Erythrit-Ratgeber.
Quellen
- Nature Medicine (Witkowski et al.) (2023): The artificial sweetener erythritol and cardiovascular event risk. nature.com
- Science Media Center Germany (2023): Zuckerersatz und kardiovaskuläre Erkrankungen. sciencemediacenter.de
- PNAS (2017): Erythritol is a pentose-phosphate pathway metabolite and associated with adiposity gain in young adults. pnas.org