Erythrit und Schlaganfall: Was die Herzstudie zeigt und was nicht

Eine Studie von 2023 sorgte für Schlagzeilen über Erythrit und Herzrisiko. Wir erklären ruhig, was gemessen wurde, was sie nicht beweist und was du daraus mitnimmst.

Du hast von der Erythrit-Studie gehört und fragst dich, ob dein Zuckerersatz einen Schlaganfall auslösen kann? Die Schlagzeilen waren laut. Die Studie selbst ist differenzierter.

Hier erfährst du, was gemessen wurde und was daraus folgt. Grundlagen zum Süßungsmittel findest du im Artikel Erythrit: Was der Zuckeraustauschstoff kann und wie sicher er ist.

Was wurde untersucht und wie belastbar ist das?

Die Studie von Witkowski und Kolleg:innen bestand aus drei Teilen. Gesucht wurden schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (MACE): Tod, nicht tödlicher Herzinfarkt und Schlaganfall.[3]

Die Studie in drei Teilen
Teil der Studie Wer oder was wurde untersucht Ergebnis Was es nicht beweist
1. Beobachtung 1.157 Personen in der kardialen Risikoabklärung; Bestätigung in zwei Kohorten (USA n = 2.149, Europa n = 833)[3] Hohe Erythrit-Spiegel waren mit MACE innerhalb von 3 Jahren assoziiert; Hazard Ratios 1,80 und 2,21 (viertes gegenüber erstem Quartil) Dass Erythrit aus Lebensmitteln die Ereignisse auslöst
2. Labor Zellversuche und Tiermodell[3] Erythrit steigerte bei physiologischen Konzentrationen die Reaktivität der Blutplättchen und die Thrombusbildung Dass sich das beim Essen im Alltag genauso auswirkt
3. Trinkstudie 8 gesunde Freiwillige, ein mit 30 g Erythrit gesüßtes Getränk[3][4] Der Erythrit-Spiegel stieg deutlich an und blieb länger als 2 Tage erhöht Langzeitfolgen; dafür fordern die Autor:innen weitere Studien

Was die Studie nicht zeigen kann

Die Studie beschreibt eine Beobachtung. Kausale Zusammenhänge zeigt sie nicht.[4] Der Befund stammt aus Hochrisikokohorten, und in allen drei Kohorten war nur das oberste Viertel der Erythrit-Spiegel mit einem signifikant erhöhten Risiko verbunden.[4] Auch die Pharmazeutische Zeitung beschreibt den Befund als Assoziation.[2]

Pures Erythrit mag diese Gerinnungssteigerung auslösen, Erythrit als Teil einer komplexen Ernährung vielleicht nicht.
Dr. Stefan Kabisch, Studienarzt, Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (DZD), Charité – Universitätsmedizin Berlin – Science Media Center Germany

Warum Blutspiegel nicht gleich Verzehr ist

Gemessen wurde das Erythrit im Blut.[3] Daraus allein lässt sich nicht ablesen, ob es aus Lebensmitteln oder aus dem eigenen Stoffwechsel stammt. Genau da setzt der nächste Abschnitt an.

Der Körper bildet Erythrit auch selbst

Hootman et al. berichteten 2017 über eine bis dahin nicht erkannte körpereigene Umwandlung von Glukose zu Erythrit. Frühere Studien hatten eine eigene Bildung verneint.[1] Erythrit wird in geringen Mengen auch im Körper produziert und kommt natürlich vor.[4]

Daraus ergibt sich eine offene Frage: Ist hohes Erythrit im Blut selbst ein Auslöser, oder zeigt es nur ein ohnehin erhöhtes Risiko an? Die Studie kann das nicht entscheiden. Die Autor:innen fordern Studien zur Langzeitsicherheit.[3]

Wie ordnen Fachleute das ein?

Die vom Science Media Center befragten Fachleute sahen 2023 keinen akuten Handlungsbedarf und forderten mehr Langzeitstudien.[4] Bis zur Veröffentlichung der Studie hatten die EU-Bewertungen, zuletzt die der EFSA 2015, keine gesundheitlichen Bedenken ergeben.[4] Dieser Artikel gibt den Stand von 2023 wieder. Neuere Bewertungen von Behörden wie EFSA oder BfR können davon abweichen, schau dafür bei den Behörden selbst nach.

Die Studienlage ist also noch nicht abschließend: Die Zahlen stammen aus Beobachtungskohorten und einer Trinkstudie mit 8 Personen. Weitere Mythen und Fakten findest du in Ist Erythrit schädlich? Der Mythen-Check.

Wer sollte vorsichtig sein und was heißt das im Alltag?

Die Studie untersuchte Menschen mit erhöhtem Herzrisiko.[3] Wenn du eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, einen früheren Schlaganfall, Thrombosen, Diabetes oder eine Nierenerkrankung hast, sprich im Zweifel mit deiner Ärztin oder deinem Arzt beziehungsweise deinem Diabetes-Team. Eine allgemeine Empfehlung können wir nicht geben.

  • Zutatenliste lesen: So siehst du, ob und wie viel Erythrit in einem Produkt steckt.
  • Keine Panik, kein Freibrief: Eine sichere Höchstmenge lässt sich aus der Studie nicht ableiten.
  • Zucker auch ohne Zuckeraustauschstoffe reduzieren: Ideen findest du in Zucker reduzieren in kleinen Schritten. Einen Überblick über Alternativen gibt Gesunder Zuckerersatz: Gibt es ihn?

Häufige Fragen

Kann Erythrit einen Schlaganfall auslösen?

Ein Auslöser ist nicht bewiesen. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen hohen Blutspiegeln und späteren Ereignissen, darunter Schlaganfälle.[3] Kausale Zusammenhänge zeigt sie nicht.[4]

Kann Erythrit Durchfall auslösen?

Bei übermäßigem Verzehr kann Erythrit abführend wirken.[4]

Was gilt bei Diabetes für Erythrit und Xylit?

Die Herzstudie liefert dazu keine Eignungsaussage. Besprich deine Ernährung mit deinem Diabetes-Team. Einen Vergleich beider Stoffe findest du in Erythrit oder Xylit, zur Xylit-Herzstudie in Ist Xylit gesund? Einen sachlichen Einstieg zur Ernährung bei Diabetes bietet Was dürfen Diabetiker nicht essen?

Quellen

  1. PNAS (Hootman et al.) (2017): Erythritol is a pentose-phosphate pathway metabolite and associated with adiposity gain in young adults. pnas.org
  2. Pharmazeutische Zeitung (2023): Zuckerersatz: Erythrit mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko assoziiert. pharmazeutische-zeitung.de
  3. Nature Medicine (Witkowski et al.) (2023): The artificial sweetener erythritol and cardiovascular event risk. nature.com
  4. Science Media Center Germany (2023): Zuckerersatz und kardiovaskuläre Erkrankungen. sciencemediacenter.de